Redaktion: Elisabeth Skoda

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Serkan Kaya im Gespräch

Der in Deutschland geborene Türke begeisterte in Wien als Luigi Lucheni im Musical "Elisabeth" und als Judas in "Jesus Christ Superstar" - beim Musicalsommer Amstetten war er 2004 als Ren McCormack in "Footloose" zu sehen.

Wir haben Serkan auf einen Kaffee getroffen, bevor er Wien und "Elisabeth" verlassen hat, um die Rolle des "Galileo" bei "We Will Rock You" in Köln zu spielen - bereits seit Dezember stand er gleichzeitig zu seinem Engagement in Wien schon 2x die Woche in dieser Rolle in Köln auf der Bühne.

Wie hat es Dich nach Wien verschlagen?

Ich bin durch die Audition für Elisabeth nach Wien gekommen. Ich bin in Leverkusen geboren und aufgewachsen, war in Essen, 50 km entfernt auf der Schauspielschule und meinen ersten Job hatte ich in Düsseldorf, das ist von Essen wieder 50 km entfernt. Mein gesamtes Leben hat sich innerhalb des Ruhrpotts abgespielt. Dann bekam ich das Angebot für Aida in Essen, Ensemble/Cover Radamesch, und für Wien. Und da dachte ich, ich will weg, am besten weg aus Deutschland um vollkommen auf mich alleine gestellt zu sein. Das war sehr interessant, und letztendlich war es die richtige Entscheidung.

Was wirst Du an Wien vermissen bzw. gar nicht vermissen?

Was ich sehr vermissen werde, ist das Wiener Flair. Ich hatte ganz am Anfang eine Hassliebe zu Wien. Als dann im Oktober die Proben in Köln für "We Will Rock You" angefangen haben und ich ständig hin und her geflogen bin, habe ich mir, als ich am Flughafen Schwechat angekommen bin, gedacht: "So, jetzt bin ich wieder zu Hause". Und da wurde mir klar, wie gern ich Wien habe, vor allem die kulturbegeisterte Wiener Szene. Jeder Wiener ist Kunstkritiker, Architekturkritiker, Buchkritiker usw. Das kulturelle Engagement werde ich schon sehr vermissen. In Köln sieht es da anders aus. Nicht vermissen werde ich die Mehrwertsteuer - und die extreme Bürokratie. Wenn ich hier z.B. bei UPC anrufe und sage, mein Telefonanschluss funktioniert nicht, dann dauert das wochenlang bis einmal jemand auf die Idee kommt vorbeizuschauen oder mir zu sagen, was nicht funktioniert. Und in Deutschland wird das sofort geregelt. Was ich auch nicht vermissen werde ist diese Doppelwelt, in der ich lebe. Einerseits gibt es nach der Vorstellung den Rummel an der Bühnentür. Aber wenn keiner weiß, ich bin vom Theater, dann wird man ganz anders behandelt, und das ist mies. Ich bin einmal so, wie ich jetzt gerade angezogen bin, auf ein Amt gegangen, habe gegrüßt und einen Zettel auf den Tisch gelegt und habe mir gedacht, diese Geste sollte eigentlich reichen, damit verstanden wird, was ich meine. Und der Beamte deutet dann und sagt mir "Zettel ? da"! Da dachte ich mir, das kann nicht wahr sein. Sobald ich dann gesagt habe, "Ich bin vom Theater an der Wien, ich spreche eigentlich schon recht gut Deutsch", hat er sofort gewusst, "Elisabeth"- Lucheni, und plötzlich war es kein Problem mehr. Dieser Kontrast ist wirklich heftig. Einerseits wird man auf Händen getragen, andererseits passiert im privaten das Gegenteil. In Deutschland gibt es auch diesen Fankult nicht so. Aber wirklich stört mich an Wien eigentlich nichts. Ich würde sofort wieder hierher kommen, wenn es eine Audition gibt.

Geht dir der Fankult auf die Nerven ? gerade bei "Elisabeth f?llt der ja recht heftig aus?

Ich habe mich bewusst für diesen Beruf entschieden, und habe gewusst, dass das auch eine Rolle spielen wird. Auf die Nerven geht es dann, wenn es sehr ins Private eingreift und meine persönliche Freiheit eingeschränkt wird. Wenn im Internet Fotos von meinem Haus kursieren, oder sich jemand als meine Exfreundin ausgibt, oder mein Vermieter mir erzählt dass zwei Mädchen mein Klingelschild fotografiert haben... das sind Dinge, die führen zu weit. Nicht, dass es mich so unglaublich aufregt, aber in deren Psyche führt es zu weit. Da frage ich mich, habt ihr keine Hobbies? Dass Musicalfans an der Bühnentür stehen finde ich super, sie bilden eine Gemeinschaft, treffen Freunde, und haben eine gemeinsame Leidenschaft. Und ich teile diese Leidenschaft gerne mit ihnen, weil ich das Theater liebe. Wir Darsteller sind halt oft Projektionsfläche, das gehört einfach dazu. Da steckt eine große Sehnsucht dahinter, und das verstehe ich auch.

Du warst ja in der Jesus Christ Superstar-Produktion der Vereinigten Bühnen Wien zu Ostern dabei ? das war unglaublich intensiv, auch ohne Bühnenbild und Kostüme...

Es gibt dieses Buch von Peter Brook, "Der Leere Raum", und er schreibt darüber, was Theater eigentlich ist. Theater ist, wenn ein Mensch auf der Bühne steht und ein anderer zuschaut. Oft ist es so, dass die Theater die wenig Geld haben wirklich tolle Sachen machen. Nichts gegen ein tolles Bühnenbild, aber es sollte nicht das Theater an sich ersetzen. Das ist auch der z.B. der Unterschied zwischen der Stuttgarter und der Wiener "Elisabeth"-Inszenierung. Hier in Wien kommt Bühnenbild, Kostüm und Maske ergänzenderweise dazu. In Stuttgart oder Essen stürzt sich alles auf die Emotionen. Die Kostüme sind perfekt, das Bühnenbild ist ausgeschlachtet, dadurch wird es kitschig. Dabei geht es geht nicht um die Technik, es geht um die Darsteller, die Geschichte, die Purheit einer Story. Wenn eine Frau einen Liebesantrag macht, braucht sie nicht mit den Armen zu wedeln oder das sich Herz rausreißen und mir vor die Füße legen. Das einfache Geständnis "Ich liebe Dich" reicht völlig. Und das war auch das kleine Geheimnis dieser "Jesus Christ Superstar"- Produktion. Ich würde es gern noch mal machen, weil es so schön war, und um es besser zu machen. Ich habe mich dabei ertappt dass ich versucht habe zu spielen, und nicht einfach nur zu sein. Zum größten Teil hat es auch geklappt. Aber manchmal dachte ich mir, ich muss noch das oder jenes machen, anstatt einfach dazustehen und den Text ganz klar und ehrlich zu bringen.

Du hast im März dann ja drei Rollen gleichzeitig gespielt ? Lucheni, Judas und Galileo ? wie ist es Dir dabei gegangen?

Es war deswegen nicht schwer für mich, weil ich ja vom Schauspiel komme, und da ist es gang und gäbe, dass man bei sechs, sieben Produktionen dabei ist. Das einzige Anstrengende dabei war, dass ich zwischen Wien und Köln pendeln musste. Die Sache mit "We Will Rock You" war emotional sehr anstrengend. Man hat mir den Job als Erstbesetzung Galileo angeboten. Aber dann hat das nicht funktioniert, weil ich aus meinem Vertrag bei "Elisabeth" nicht herausgekommen bin. Das kann ich auch verstehen. Ich konnte dann als Erstbesetzung nur zweimal pro Woche in Köln spielen. Darum konnte ich dann die Galapremiere oder den Auftritt bei "Wetten, dass" nicht machen ? und da habe ich viel über mich selber gelernt. Es war eigentlich nichts anderes als Geltungsbedürfnis, dass mich das gestört hat, und daran muss ich arbeiten. Es ist auch gut, dass ich das herausgefunden habe. Es mag menschlich sein, aber es tut unmenschlich weh. Eifersucht z.B. ist auch eine völlig natürliche Charaktereigenschaft, aber deswegen tut es ja nicht gut, eifersüchtig zu sein. Ich habe zwei tolle Jobs und ein tolles Leben, bin in zwei Ländern, spiele die Erstbesetzung, während es in Deutschland fünf Millionen Arbeitslose gibt. Und da dann zu jammern, dass ich "Wetten, dass" nicht gemacht habe wäre falsch. Aber ich glaube ich bin schon relativ weit, meine Dämonen zu bekämpfen. Extreme Situationen bringen extreme Charaktereigenschaften zutage, und erst dann weißt Du, was mit Dir los ist.

Ist Dir der "Umstieg" von einer Rolle in die andere schwer gefallen?

Das war kein Problem. Jede Figur verdient ihre Eigenständigkeit, und ich muss diese Figur ernstnehmen, sie muss als Individuum zum Leben erweckt werden. Es ist interessant, Kleinigkeiten herauszufinden, z.B. wie würde Lucheni eine Flasche öffnen, wie geht er, wie atmet er ? sicher nicht wie ich. Und so unterschiedlich sind die Rollen gar nicht. Der eine ist ein Anarchist, der andere ein Rebell, der dritte ein Verräter.

Gibt es eine Rolle, die Dir mehr am Herzen liegt als andere?

Das kann ich gar nicht sagen. Es gibt Rollen, die emotionaler sind als andere, die von mir ganz andere Sachen erfordern. Z.B. erfordert der Galileo von mir stimmlich mehr als der Lucheni, aber dafür verlangt der Lucheni von mir emotionale Tiefe, die der Galileo nicht haben darf. Ich sage bewusst darf, weil würde er einen emotionalen Abgrund zeigen, wäre es eher peinlich. Es passt nicht in den Zusammenhang. Aber ich nehme ihn natürlich trotzdem ernst. Theater hat ja immer den gleichen Nenner, es geht um Ehrlichkeit. Judas in Jesus Christ Superstar hat einfach Abgründe vorzuweisen. Er verrät seinen besten Freund, den er abgöttisch liebt, und ihm bleibt kein anderer Weg übrig. Das war durch das ganze Stück durch eine große Herausforderung. Auch die gesangliche Bandbreite ist enorm. Judas hat von mir bisher am meisten abverlangt. Das heißt jetzt aber nicht, dass ich die Figur am liebsten spiele , alle drei liegen mir am Herzen.

Hast Du irgendwelche Traumrollen?

Es gibt Sprechtheater-Stücke, die ich sehr gerne spielen möchte, z.B. von John Steinbeck "Von M?usen und Menschen", oder "Der Hausmeister" von Harold Pinter, oder diese "modernen Klassiker", so etwas wie "Endstation Sehnsucht", "Blick zurück im Zorn" von Osbourne. Ich habe bis jetzt das große Glück gehabt Rollen zu spielen, die ich gerne gespielt habe und immer wieder spielen würde. Im Musical weiß ich nicht, was als nächstes kommt, ich kenne die Stücke nicht gut genug.

Wie gehst Du daran, eine Rolle zu spielen?

Jede Figur verlangt etwas anderes von mir, darum habe ich da kein richtiges System. Erstmal lese ich das Textbuch und schaue, welche Grundstimmung ich da verspüre. Um wieder auf den "leeren Raum" von Peter Brook zurückzukommen ? ich verstehe es auch so, den leeren Raum in mir selber zu schaffen, damit die Figur, die ich darstellen möchte, in mir Platz hat. Das heißt auch, dass ich die Figur nicht gewaltsam an mich reiße, sondern ihr Zeit lasse, zu mir zu kommen. Um nicht Emotionen zu produzieren, sondern Emotionen zu empfinden, um nicht Wahrheit darzustellen, sondern wahr zu sein. Letztendlich ist es "to be, and not to act". Das funktioniert nur dann, wenn man es nicht gewaltsam an sich heranreißt. Während meiner Studienzeit ist mir das bei einer Rolle passiert, bei Franz Mohr von Schiller. Da hat sich diese Figur mir gar nicht offenbart, und ich hatte zu kämpfen. Das ist genauso wie in der Liebe ? wenn mich diese Frau nicht möchte, dann wird sie mich auch nicht wollen, wenn ich umso mehr an ihr zerre.

Du spielst eine Rolle ja nie ganz gleich ? passiert das bewusst oder unbewusst?

Es passiert einfach. Ich gehe nicht auf die Bühne und sage "heute mal anders". Ich bin ja als Darsteller am Leben auf der Bühne. Deshalb darf die Figur nicht tot sein ? sie wäre tot, wenn ich jeden Abend das gleiche machen würde. Es ist eigentlich wie beim Schach. Jemand kann jahrelang Schach spielen, und wird nie dasselbe Spiel gespielt haben, weil es unendlich viele Möglichkeiten gibt. Wir Darsteller sind auf der Suche nach der absoluten Freiheit auf der Bühne. Deswegen würde ich mich selber einschränken, wenn ich jeden Abend dasselbe machen würde. Wie beim Schach gibt es auch auf der Bühne jeden Abend unglaublich viele Möglichkeiten. Das hat auch der Zuschauer verdient. Sie haben für die Karte bezahlt und wollen einen einzigartigen Abend erleben, und das versuche ich ihnen zu geben.

Gibt es Kollegen, mit denen es auf der Bühne besser funktioniert als mit anderen?

Es gibt schon Kollegen, mit denen es besser funktioniert, aber das hat auch damit zu tun, dass wir ein eingespielteres Team sind. Darsteller die nur einmal die Woche spielen, sind eher damit beschäftigt es richtig zu machen. Mate Kamaras wirft mir z.B. bestimmte Blicke zu, die mir helfen, bestimmte Dinge zu tun die ohne diesen Blick nicht funktionieren würden. Warum würde Lucheni z.B. vor dem Tod kuschen, wenn nicht gerade dieser harte Blick käme.

War es sehr hart für Dich, monatelang kaum freie Tage zu haben?

Das war sehr hart. Ich hatte insgesamt fünf offizielle freie Tage, und ich merke langsam, dass es reicht. Nichtsdestotrotz ist es ein Job, den ich liebe. Japaner arbeiten im Schnitt 60 Stunden in der Woche, dagegen ist mein Job easy, die sechs Stunden, die ich im Theater verbringe sind im Vergleich dazu gar nichts. Wenn meine Stimme langsam müde wird, frustriert es mich selber, auch wenn Leute sagen, das war wirklich gut. Aber ich mache mir da jetzt nicht zu viele Sorgen. Die Stimme ist wie ein Muskel, wenn ich drei Kilometer laufe, sagt auch keiner "Pass auf, sonst fallen Dir Deine Beine ab." Natürlich muss man aufpassen, aber nicht mehr als auf einen anderen Körperteil. Die Stimme kann man sowieso nicht kontrollieren. Ich denke auch, wenn der Ton nicht so sitzt wie er sitzen soll, wenn er abbricht - egal. Es geht darum, dass wir eine Geschichte erzählen, und das ist die Hauptsache. Drew Sarich, Mate Kamaras, Dennis Kozeluh, Andre Bauer und viele andere, wir verfolgen so einen gewissen Berufsethos - wir geben jeden Abend alles.
Musical hat bei Nicht-Musicalliebhabern einen schlechten Ruf, es heißt immer, das ist seichte Unterhaltung - aber nicht bei uns. Dann haben wir auch eine moralische Verpflichtung, wenn wir etwas zu Ostern Jesus Christ Superstar spielen. Und wenn ich um zehn in der Früh ein hohes C singen muss, dann tu ich das. Ich gebe sicher jeden Abend meine 100 Prozent, auch wenn ich am nächsten Tag heiser bin. Das wichtigste ist es, diese 2000 Jahre alte Geschichte zu erzählen.
Wenn ich es vergleiche, mein Vater ist um 4 Uhr morgens aufgestanden um seinen ersten Job anzutreten und sein zweiter Job hat um 1 am Nachmittag angefangen. Meine Eltern haben beide unglaublich hart gearbeitet, damit meine Geschwister und ich ein besseres Leben haben. Deshalb kann ich das nicht dadurch verraten, dass ich eine ruhige Kugel schiebe. Das ist meine persönliche Geschichte ? jeder hat seine eigenen Gründe, auf der Bühne das beste zu geben.

Würdest Du gerne mal wieder in einer Band auftreten?

Meine alten Bandkollegen sind mittlerweile in Köln. Wir hatten ja damals in Leverkusen eine Band mit Namen "Estonia Fantasies". Ich glaube, es ist Zeit dass wir uns mal wieder treffen und einfach aus Spaß an der Freude eine Band gründen, um zu schauen, was passiert und einfach mal in Clubs aufzutreten. Nicht unbedingt mit dem Hintergrund, eine CD auf den Markt zu bringen, sondern einfach nur aus Spaß. Mich würde auch ein Liederabend reizen, mit Kontrabass, Schlagzeug, Klavier - so ein Jacques Brel-Abend zum Beispiel, oder etwas jazziges. Ich liebe es, Geschichten zu erzählen.

Vielen Dank, Serkan, für das interessante Gespräch, und alles Gute!